Der Geruch von Sgt. Pepper- Vom Plattensammeln und anderen Hürden...
Mein Sammlerleben in 15 absonderlichen Kapitel

(...) 2. Informationsquellen

Richtige Rockbücher gab es nicht, demzufolge waren Infos über Bands rar. Hatte damals gerade mal als einzige "Fachliteratur" das "DDR-Beat-Lexikon". Die Erstauflage ’73 war nicht zu kriegen, ich erwischte wenigstens die 2. Auflage von ’75, für den dreifachen Preis. Da war natürlich ein Haufen sozialistischer Schrott drin, der mich nicht die Bohne interessiert hat, aber wenigstens auch ein paar Infos über wichtige westliche Gruppen. Westliche Radiosender wie ndr2, Bayern 3 und Hessen 3 waren in Erfurt ganz gut zu empfangen und eine wichtige Informationsquelle. Geliebt habe ich Radio-Specials über Bands, Konzertkritiken u.a., deren Wortlaut ich aus Ermangelung an erhältlicher Rockliteratur stundenlang abgetippt habe, teilweise mit abenteuerlichen Schreibweisen der englischen Namen und Musiktitel. Irgendwann, wahrscheinlich im Herbst ’74 lief im ZDF Samstagabend das "James Paul McCartney"-Special. Hab den Ton mit ‘nem Mikrofon vor dem Fernseher mitgeschnitten, das Gerät hatte keinen Überspielausgang, hat sehr genervt, weil meine Eltern da ja die ganze Zeit die Klappe halten mussten. Später bastelte ich dann ‘ne Hilfslösung, hab’ den Lautsprecherausgang angezapft. 1974 gab's so ein tolles Radiohörspiel, aufgemacht wie ein Märchen, "The Beatles - Eine Phonographie in vier Teilen" von Barry Graves vom RIAS, NDR / WDR1 hatten es übernommen und September/Oktober '74 ausgestrahlt. Die Serie hat heute fast Kultstatus. Hatte zunächst Überspielungen der ersten drei Folgen, nach dem Ringo-Teil habe ich viele Jahre gejagt. Im Mai 76 gab Ringo eine Pressekonferenz in Hamburg und ndr2 sendete was davon, ich Trottel habe nur den Text abgetippt, und das Band gelöscht, weil MCs teuer waren. Bis heute habe ich das nie wieder als O-Ton bekommen. Selbst Radio DDR II sendete Ende 1977 ein dreiteiliges Special "Die Beatles", natürlich mit sozialistischen Touch, aber eben auch viel Original-Musik. Anfang der 80er gab's einiges an Lennon- und Beatles-Specials bei DDR-Radiosendern, glaube es gab eh nur vier oder fünf DDR-Radiosender und halt zwei DDR TV-Programme.

Die einzige Rockmusikliteratur waren die Zeitungen „Melodie & Rhythmus" und „neues leben". Die konnte ich aber nicht einfach abonnieren oder am Kiosk kaufen, die Nachfrage war größer als die Auflage. Mein Vater hatte glücklicherweise Beziehungen zu einer Zeitungskioskverkäuferin, die er mit irgendwelchen kleinen Geschenken bei Laune hielt, damit er diese Zeitungen dann unterm Ladentisch bekam. Später habe ich aus Verzweiflung sogar eine ungarische Popzeitung namens „Vilag" abonniert, das ging komischerweise. Verstanden habe ich davon kaum was, war mehr wegen der Bilder. Gemocht habe ich neben den Beatles immer auch Bob Dylan, hab’ erst viel später festgestellt, dass ich am gleichen Tag wie er Geburtstag habe. Doch für die Intensität der Sammelleidenschaft konnte ich mich nur auf ein Thema konzentrieren. Die Beatles und Dylan waren auch der Grund dafür, dass ich verstärkt Englisch gelernt habe, ich wollte halt die Texte verstehen.

Meine musikalische "TV-Versorgung" kam damals hauptsächlich von ZDF "Disco" mit Ilja Richter, George war da 1977 sogar mal zu sehen Westradio oder Westfernsehen war für mich normal, meine Eltern waren nicht demagogisch verblendet. "Aktuelle Kamera" kannte ich kaum, bei uns gab’s immer "Tagesschau". Hab’ nur in der Schule mitgekriegt, dass das bei anderen nicht so war. Es gab damals FDJ-Gruppen, die loszogen und Ausschau hielten, wohin die Fernsehantennen auf den Häusern ausgerichtet waren. Wenn sie zum „Ochsenkopf" zeigten, dann sahen die Leute Westfernsehen und wurden angezinkt. Mein Vater hatte unsere Antenne vorsorglich unterm Dach installiert (...).

von Evelyn Schwarz